Nepomuk und die idealisierte Schraubenkiste  
    Personen: Nepomuk
Maria - seine Frau
Herr Wolzow
ein einsamer alter Holzfäller
 
  Dinge: 1 Decke
1 Buch
4 Schilder (Wald, Sonne, E.A.H., Regen)
1 Sprungfeder (Eisen)
1 Handtuch (sonnengelb)
1 Tisch
2 Stühle
 
 

Prolog:
 
    (zu lesen aus dem Dunkel) 
 
 
    "... sortiere man sie auf's Geratewohl nach Größe, Form oder Nützlichkeit, auf daß es eine Lust sei. Sind Schrauben und Schräubchen solcherart geordnet, findet sich auch das Blut gedämpft und der Geist gekühlt, so sollten alle Fragen gestellt und beantwortet sein."   
 

I. Akt
 
  (N. denkend am Tisch; Maria auf dem Boden, liest; es klopft mehrmals; niemand reagiert; Stille)
 
 
  Maria: Gehst du?  
  Nepomuk: Was?  
   Maria: Gehst du?  
  Nepomuk: Wieso?  
  Maria: Es hat geklopft.   
  Nepomuk: Ich habe nichts gehört.  
   
Es klopft; N. reagiert nicht. Maria erhebt sich, geht zum Tisch, klopft deutlich auf die Tischplatte.
  
 
 
  Nepomuk: (ohne den Kopf zu heben) Gehst du?   
   
Maria wendet sich achselzuckend zur Tür; ein Mann tritt unaufgefordert ein, sieht sie, verharrt, wie vom Donner gerührt, faßt sich, eilt an M. vorbei auf N. zu; Maria setzt sich wieder und liest weiter.
 
 
   Wolzow: Ich bitte Sie! Meine Frau ist fort!   
  Nepomuk: (ohne aufzusehen) Seit wann?   
   Wolzow: Zwei Wochen.
  Nepomuk: Größe?
   Wolzow: Etwa einssiebzig.
  Nepomuk: Farbe der Augen?
   Wolzow: Blau.
  Nepomuk: Haarfarbe?
   Wolzow: Rot.
  Nepomuk: Besondere Kennzeichen?
   Wolzow: Keine.
  Nepomuk: (sieht ihn ernst an) Kenne ich nicht. (denkt weiter)
   Wolzow: Aber sie ist meine Frau!
  Nepomuk: (ungerührt) Dann sagen sie ihr das.
  Maria: (sieht von ihrem Buch auf) Warum ausgerechnet Schrauben?
 
(Vorhang [oder black])
 

II. Akt
  (gleiche Szene ohne W., nur wunderlicher)
 
  Nepomuk: Weißt du...?
  Maria: Hm?
  Nepomuk: Es kommt wirklich nicht darauf an.
  Maria: Hm.
  Nepomuk: Auf die Schrauben, meine ich.
  Maria: Hm? Ja, natürlich nicht.
  Nepomuk: Ich meine... Gut.
  (Schweigen; Vorhang)
 

III. Akt
 

(gleiche Szene ohne W., wunderlicher als I., aber nicht so wunderlich wie II.)

Es klopft. Maria blickt auf. Es klopft wieder, stürmischer. Maria und N. zählen still die Sekunden an ihren Fingern ab. Herr Wolzow tritt ein.
 

  Maria: (zu N.) Du schuldest mir jetzt ein romantisches Abendessen mit nivauvoller Unterhaltung!
  Nepomuk: (verärgert) Du hast einfach nur Glück gehabt.
  Maria: Aber ich hatte recht! Gib zu, dass ich recht hatte!
  Nepomuk: Also gut. Aber wie findest du das? (wendet sich an W., der wieder die ganze Zeit fasziniert Maria angestarrt hat) Sie vermissen ihre Frau seit nunmehr vier Wochen. Es gab keinen Abschiedsbrief, aber die Wohnung war aufgeräumt, der Kühlschrank gefüllt und der Hundgefüttert. Sie haben keine Ahnung, wie es weitergehen soll. Sie haben inzwischen mein Buch gekauft und sie kommen mit den Schrauben nicht klar. Außerdem (er tritt näher auf W. zu) sind sie in meine Frau verliebt. (stellt sich triumphierend hin)
   Wolzow: Äh, ja. Nein, das heißt, ich weiß es nicht.   
  Nepomuk: (väterlich) Lassen sie mich Ihnen sagen, dass es auf die Schrauben wirklich nicht ankommt.   
  Maria: Laß ihn in Ruhe.  
  Nepomuk: Er kommt doch zu mir. Habe ich ihn hergebeten?  
  Maria: Laß ihn trotzdem in Ruhe.  
   Wolzow: (immer noch benommen) Wir haben keinen Hund.  
  Nepomuk: Was dann? Eine Katze vielleicht?  
   Wolzow: Hamster.  
  Nepomuk: Einen Hamster! Hörst du das? Einen Hamster! (verläßt die Bühne)  
 
(Vorhang)
 
   

IV. Akt 
 
  (gleiche Szene, aber ziemlich verwunderlich, lauter Zeug und so; Maria und W.)
 
 
   Wolzow: Wozu braucht ihr all dieses Zeug?  
 
(Vorhang)
 
   

V. Akt
 
  (gleiche Szene, absolut verwunderlich, lauter Zeug und so; W. und Maria mit Schild "Sonne" und N. mit Schild "Wald" und EAH mit Schild "E.A.H.")
 
 
   Wolzow: Wozu braucht ihr all dieses Zeug? (niemand beachtet ihn)  
  EAH: (gelangweilt) Es hatte geregnet. (N. schüttelt sich) Der Wald war naß. Klitschnaß!
(N. schüttelt sich)
 
   Wolzow: (zu EAH) Wer sind Sie denn?  
  EAH: Einsamer alter Holzfäller. Einsam weil allein. Alt weil nicht mehr jung. Holzfäller... Nun, ich sitze hier.  
   Wolzow: Aber...  
  EAH: Der Wald war also total absolut naß. Und Tropfen hingen überall rum. (sieht N. auffordernd an, N. schüttelt sich) Normalerweise bat der Wald in solchen Fällen die Sonne, ihn zu trocknen,
die das normalerweise dann auch tat. Aber diesmal...
 
  Maria: Nein!  
  Nepomuk: Wie jetzt?  
  Maria: Nein! (M. zaubert ein Handtuch hervor)  
  Nepomuk: Au verdammt! Was soll ich nur tun? (M. betupft ihn unauffällig mit dem Handtuch) Ich bin erledigt!! Ich werde verrotten!!! (M. trocknet stärker) Verfaulen!!! (M. rubbelt N. kräftig ab) Ach!!!  
   
M. und N. sehen sich an, umarmen sich, N. wirft sich Maria über die Schulter, sie gehen ab.
 
 
  EAH: (zu W.) Merkst Du was? Ich sehe schon, was da passiert. Aber ich wundere mich nicht. Eigentlich merkwürdig ... (geht ab)  
 
(Vorhang)
 
 

VI. Akt
 
  (Wie I, ohne Zeug, N. denkend am Tisch; Maria auf dem Boden, liest)


Es klopft mehrmals; niemand reagiert; Stille; W. kommt unaufgefordert herein, trägt verdeckt (?) ein Schild "Regen"; Niemand beachtet ihn.
 
 
   Wolzow: Maria! (Maria schaut) Maria! Ein Lied! Ein Lied!  
  Maria: (sieht ihn halb spöttisch an) Ein Lied?  
  Nepomuk: (sich einmischend) Na, da lassen Sie mal hören!  
   Wolzow: Es ist für Maria! (singt)

Maria!
Ich schlaf' nachts nicht mehr wegen Dia!
Mein Herz ist völlig überrollt.
Maria!
Und deswegen bin ich jetzt hia!
Ich bete Dich so an!
Viel mehr noch als Dein Mann
es tut!
Maria!
Komm zu mir und verlaß diesen Knaben!
Immerhin kannst Du mich dafür haben.
Maria!
Hol Deinen Kram und komm - Maria!
Maria! Maria! Maria! Maria! Maria! Maria!
 
  Nepomuk: Ok. Das reicht jetzt. Würden Sie bitte mein Haus verlassen!  
   Wolzow: (hält sein Schild vor sich, singt)
Es regnet, es regnet, die Erde wird naß ...
 
  Nepomuk: Raus hier!!!  
   Wolzow: (singt rhythmisch) Regen, Regen, Regen, Regen, Regen...  
  Nepomuk: (singt; wiederholt)
Ich hau Dich flügellahm
Ich hau Dich kaputt
Laß meine Frau in Ruh
Blasse Gestalt, Du
 
 
W. und N. kämpfen singend; Maria zieht sich den Mantel an.
 
 
  Maria: Mag mich... (schreit) Mag mich vielleicht einer der Herren zum Abendbrot einladen?  
   Wolzow: Das bin ich! (hakt sich bei Maria ein, beide ab)  
 
N. nimmt sich das Handtuch, wischt sich langsam den Schweiß ab, schaut.

(Vorhang)
 
 

VII. Akt (A)
 
  (kein Zeug und so; Maria und W., nebeneinander auf dem Tisch sitzend)
  
 
  Maria: Vermißt du deine Frau?  
   Wolzow: Weißt du, was ich denke? Auf die Schrauben kommt es überhaupt nicht an!  
 
Pause.
 
  Maria: Einmal kam ein Mann zu Nepomuk. Er wollte ihm sein Schraubenorakel abkaufen. Nepomuk
hat gesagt ...
 
  Nepomuk: (von rechts über die Bühne hüpfend) Die ganze Welt ist eine Schraubenkiste. (links ab)  
  Maria: Der Mann hat ihm seinen Preis genannt. Er hatte wohl nicht verstanden. Da ist Nepomuk in die Kammer gegangen und hat dem Mann die Schrauben gegeben...  
  Nepomuk: (von links über die Bühne hüpfend) 15000 Mark!!! (rechts ab)  
  Maria: ... für 15000 Mark.  
 
Ziemlich lange Pause.
 
 
An dieser Stelle tritt W. aus der Szene heraus, zieht ein paar Blätter hinter seinem Rücken hervor und blättert. N. tritt mit einigen Blättern zu ihm und blättert und findet etwas:
 
 
  Nepomuk: (liest) An dieser Stelle tritt Wolzow aus der Szene heraus und sagt entweder: "Das ist ja glatter Betrug!" ...  
   Wolzow: (empört) Das ist ja glatter Betrug!  
  Nepomuk: Oder aber: "Seine eigenen Schrauben?" ...  
   Wolzow: (erstaunt) Seine eigenen Schrauben?  
  Nepomuk: Oder aber: "Ja und?" ...  
   Wolzow: (zu N.) Ja und?  
  Nepomuk: Maria sagt darauf hin ...  
   Wolzow: (erinnert sich) Maria? Maria!!!! (läuft wieder in die Szene)  
  Maria: Damals hat er aufgehört, seine Bücher zu signieren. (schaut zu N.) Ich habe ihn dafür geliebt.  
 

VII. Akt (B)
 
  (kein Zeug und so; niemand kommt, niemand geht)
 
 
  Pause.  
 
(Vorhang)
 
 

LETZER. Akt
 
 

(gleiche Szene, ultimativ chaotisch verwunderlich bis hin ins geradezu Unordendliche; alle Dinge, N. denkend am Tisch)

W., Maria, N. beginnen mit den Dingen zu spielen. EAH räumt auf. Wer nichts mehr zu spielen hat, steht, Rücken zum Publikum.
 

 
       
  Alle: (singend, nacheinander einfallend, im Stil amerikanischer Musical der Fünfziger Jahre)
Ich stelle ein Licht in mein Fenster (aaaaaahahaaaaaahaa)
Vielleicht trifft es auf ein Gesicht (aahahahaaaahahaaa)
Vielleicht ist es Trost für Gespenster (ahahahahaaaa)
Vielleicht ist es beides auch nicht. (dadadadammm)
(wiederholt, bis...?)
 
 
(Vorhang)